Das Zaubermittel

Nur Mut

Eine Geschichte über Zuversicht und Mut

Nachdem ich letztens beim Überfliegen eines Textes, gedacht habe, hier fehlen die Geschichten, möchte ich euch heute einfach nur eine Geschichte erzählen. Sie stammt aus einem Kinderbuch und ich erzähle sie seit einigen Jahren in meinen Seminaren. Und obwohl ich sie seit Jahren erzähle und weiß, dass es „nur“ eine Geschichte ist, bin ich jedes Mal total gerührt , manchmal zu Tränen, sodass ich kaum weitererzählen kann. Ein Teilnehmer meinte deswegen mal zu mir, er hätte ein ganz schlimmes Ende erwartet, dabei endet die Geschichte ganz versöhnlich. Aber lies selbst:

Das Zaubermittel

Der kleine Kai hat oft Angst, eigentlich fast immer. Und wird deswegen im Kindergarten oft ausgelacht und verspottet – sogar die Kindergärtnerin lacht. Eigentlich hat Kai nur einen Freund – seinen Großvater. Zu ihm geht Kai wenn er traurig ist. Wieder einmal war Kai im Kindergarten Ziel des Spotts und weint sich bei seinem Großvater aus: „Am liebsten würde ich gar nicht mehr in den Kindergarten gehen. Dort lachen mich eh alle nur aus.“

Der Großvater schließt Kai fest in seine Arme: „Auch du kannst stark und mutig sein, da bin ich mir ganz sicher.“ „Kannst du mir nicht helfen mutiger zu werden?“, fragt Kai. „Mal sehen, was sich machen lässt. Komm morgen wieder“, sagt der Großvater.

Die Blamage

Am nächsten Morgen möchte Kai am liebsten gar nicht aufstehen. Er muss im Kindergarten eine Strophe von einem Gedicht aufsagen. „Da machen sich wieder alle lustig über mich“, sagt er verzweifelt zu seiner Mutter. Und als er dann im Kindergarten dran ist, bekommt er prompt wieder einen hochroten Kopf und gerät sofort ins Stocken. Alle kichern und er läuft weinend davon. „Sogar Nina hat gelacht“, denkt er zornig, „und ich dachte, sie wäre meine Freundin.“

Das blaue Fläschchen

Nach dem Kindergarten läuft Kai gleich zum Großvater: „Opa, Opa, kannst du mir helfen?“ „Ich habe da etwas ganz Tolles für dich gefunden.“, antwortet der Großvater. Aus dem Kühlschrank holt er ein kleines blaues Fläschchen. „Das ist ein Zaubermittel. Wenn du jeden Morgen einen winzigen Schluck davon trinkst, wirst du an diesem Tag mutig und stark sein.“ „Wirklich?“, fragt Kai ungläubig. „Ganz sicher, dieser Zaubertrank wirkt immer!“

Kais Verwandlung

Am nächsten Morgen ist Kai ganz aufgeregt und nimmt den ersten Schluck von seinem Zaubertrank. Bereits auf dem Weg zum Kindergarten kann er die Wirkung testen. Ein Mann mit einem riesigen Hund kommt ihm entgegen und statt wie sonst die Straßenseite zu wechseln, grüßt Kai den Mann freundlich. Der Hund läuft einfach an Kai vorbei und Kai hat überhaupt keine Angst.

Im Kindergarten wundern sich die Kinder, weil Kai heute so anders ist. Im Stuhlkreis lernen sie ein neues Lied, das Kai schon von seiner Mutter kennt. Und als die Kindergärtnern ihn bittet, es vorzusingen, bricht er nicht, wie erwartet in Tränen aus, sondern singt mit klarer Stimme alle fünf Strophen. Alle Kinder klatschen Beifall und Kai ist das erste Mal seit langem glücklich.

Der mutige Sprung

Auch beim Fußball hat Kai keine Angst mehr vor dem Ball. Fröhlich rennt Kai nach dem Kindergarten zu Opas Wohnung: „Opa, Opa, das Zaubermittel hat gewirkt! Ich bin mutig geworden. Und ich freu mich schon auf morgen, da habe ich Schwimmkurs und ich möchte doch so gern wissen, wie es ist, vom Sprungbrett zu springen.

Am nächsten Tag melden sich zwei Kinder, um als erste zu springen. Carlo – wie immer.- und Kai. Alle beobachten gespannt wie Kai die Leiter hinaufklettert. Wird er wirklich springen? Oben zögert Kai nur kurz und springt dann kerzengerade ins Wasser. Er hat Herzklopfen vor lauter Freude.

Die Verblüffung der Großen

Jeden Morgen trinkt Kai heimlich einen kleinen Schluck aus seinem Fläschchen. Immer öfter traut er sich Dinge, die er früher nie getan hätte. Als er drei große Jungen beobachtet, die einen kleineren ärgern, erinnert sich daran, wie es ihm früher ging. Und läuft ohne lange zu überlegen hinüber, um dem Kleinen zu helfen. „Ihr seid gemein und feige“, ruft er und nutzt die Verblüffung der Großen, um den kleinen Jungen zu befreien. Alle, die zugeschaut haben, staunen. Am meisten aber staunt Kai selbst. „Das habe ich alles Opas Zaubermittel zu verdanken“, denkt er oft.

Die Entzauberung des Zaubermittels

Eines Morgens sucht Kai etwas verschlafen nach seinem Fläschchen im Schrank. Und da rutscht das Fläschchen ihm aus den Fingern und zerspringt in tausend Stücke. Fassungslos starrt Kai auf die Scherben. „Jetzt ist alles aus“, denkt er „Ohne das Zaubermittel ist es mit meinem Mut vorbei.“

Er rennt rauf zum Großvater. „Opa, Opa! Es ist etwas ganz Furchtbares passiert! Die Flasche ist runtergefallen, ich habe kein Zaubermittel mehr! Du musst mir ganz schnell einen neuen Zaubertrank mischen. Bitte!!!“

„Es wird kein neues Zaubermittel geben“, antwortet der Großvater. Kai schluchzt. „Aber dann bin ich nicht mehr mutig und alles wird so sein wie früher.“ „Nein Kai, das wird es nicht. Der Großvater nimmt ihn in seine Arme. „Du brauchst kein Zaubermittel mehr. Du hast bewiesen, dass du mutig sein kannst, wenn du willst.“ „Aber das hat doch nur mit dem Zaubermittel geklappt!“, sagt Kai ganz unglücklich.

„Bestimmt nicht, Kai. In Wirklichkeit war in dem Fläschchen gar kein Zaubertrank, sondern einfach nur – Leitungswasser“, sagt der Großvater. „Du allein hast es mit eigener Kraft und eigenem Willen geschafft, ein richtig mutiger Junge zu sein.“

Du kannst es selbst

Kai weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. Es war gar kein Zaubermittel, nur Leitungswasser? „Aber es hat doch gewirkt!“, sagt er. „Ja, sicher.“ Der Großvater lächelt ihn liebevoll an. „Aber nur weil du fest daran geglaubt hast. Dann wirkt so etwas immer. Als ich ein kleiner Junge war hat mein Vater mir damals geholfen und mir einen Mutmach-Tiger geschenkt. Ein ganz normales Kuscheltier, aber mir gab es Mut und Stärke. Letzte Woche habe ich genau so einen Tiger in einem Spielzeugladen gefunden.“ Der Großvater holt einen kleinen weichen Plüschtiger aus dem Schrank und drückt ihn seinem Enkel in die Hand. „ Du weißt jetzt, dass du mutig und stark sein kannst, wenn du willst. Dieser Tiger soll dich immer daran erinnern.“

Nacherzählt und bebildert nach dem Kinderbuch: „Das Zaubermittel: Oder wie man fast alles schaffen kann, wenn man es sich nur zutraut.“ Von Christine Jüngling und Jann Wiedekamp. Eine von drei Geschichten aus dem Sammelband: Nur Mut, du bist stark! ISBN: 978-3-86559-075-6, Verlag albarello.

Mentoren und Vorbilder

Selbst jetzt beim Schreiben hatte ich wieder einen Kloß im Hals vor lauter Rührung. Was für eine wunderschöne, liebevolle, berührende Geschichte. Ich spreche in meinen Seminaren ja sehr viel darüber, dass wir nie auf das Außen selbst reagieren, sondern immer nur auf unser Abbild der Welt, auf unsere Vorstellung. Und immer mal wieder geht es auch um Mentoren und Vorbilder. Und wäre es nicht schön, wenn jeder einen solch liebevollen Mentor hätte?

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8 Antworten

  1. Angelika sagt:

    Hallo Ingrid, eine sehr schöne Geschichte, die werde ich meinem Enkelsohn bestimmt mal vorlesen. Ich lese gerade ein Buch mit dem Titel : Du bist das Plazebo von Dr. Dispenza , das passt glaube ich gut zu diesem Thema. Ich freue mich schon auf Dein nächstes Thema Liebe Grüße Angelika

    • Liebe Angelika, guck doch mal beim albarello Verlag. die haben lauter so schöne Bilderbücher mit tollen Geschichten. Als ich wegender Rechte für das Bild nachgefragt habe, haben sie mir auch „Ein Rucksack voller Glück“ empfohlen. Liebe Grüße Ingrid

  2. Susi Bayer sagt:

    Hallo Ingrid,
    gerade habe ich einen Praxisgruppenabend zum Thema „Glaubenssätze“ vorbereitet. Welch schöne Bereicherung diese Geschichte ist!
    Vielen Dank dafür
    Lieben Gruß
    Susi

  3. Katrin Neiß sagt:

    Liebe Ingrid, Danke für diese schöne Geschichte. Sitze hier mit Tränen der Rührung in den Augen und denke, es ist eigentlich so einfach! Neulich war ich bei einem Vortrag von Sabine Asgodom und die hat einen sehr schönen Vorschlag gemacht, den ich gern mit Dir teilen möchte: Kauf Dir einen leeren Salzstreuer, kleb ein Schild drauf mit der Aufschrift „Zuversicht“ und „streu“ Dir jeden Morgen etwas davon auf den Kopf und immer dann, wenn Du dringend Zuversicht brauchst… Du siehst, auch Erwachsene können so ein Zaubermittel gut gebrauchen. 😉Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Lieben Gruß, Katrin

    • Liebe Katrin, freut mich, wenn dich die Geschichte auch so berührt. Ich habe auch immer wieder Tränen in den Augen, wenn ich sie erzähle. Den Zuversichtsalzstreuer finde ich großartig. Liebe Grüße Ingrid

  4. mail@ander-seits.de sagt:

    Oh, wie wahr! Vielen Dank für die schöne Geschichte! Ich weiß auch schon, wem ich sie „schenken“ werde …

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