Der Flow-Kanal und die Zeit

Der Flow-Kanal und die Zeit

Gerade vor ein paar Tagen habe ich im Seminar wieder einmal das Bild vom so genannten Flowkanal nach Mihaly Csikszentmihaly ans Flipchart gezeichnet, um meinen Teilnehmern zu verdeutlichen, dass sowohl zu hohe Anforderungen als auch zu niedrige sich ungünstig auswirken. Und heute fiel dieser Flowkanal mir wieder ein, weil ich mich gemeinsam mit einer Kollegin auf ein Projekt vorbereitet hatte. Der große Unterschied bei uns beiden war der, dass ich derzeit sehr viele Aufgaben und Termine habe, sie hingegen sehr viel Zeit hat. Deswegen habe ich die Vorbereitungen für das Projekt frühzeitig gestartet und ziemlich gezielt in meine vollen Tage integriert. Sie konnte sich Zeit nehmen, feilen, überlegen, zweifeln. Und im Endeffekt habe ich umgesetzt, was ich mir vorgenommen hatte, während sie nicht rechtzeitig fertig geworden ist. Und das hat meines Erachtens sehr viel mit dem oben erwähnten Flowkanal zu tun.

Das Flowmodell

 

Das klassische Flowmodell bezieht sich auf zwei Komponenten: Anforderungen und Fähigkeiten. Der Flowkanal ist demnach der Bereich, in dem wir uns bewegen, wenn eine optimale Balance zwischen Anforderungen und Fähigkeiten besteht. Dabei geht es zunächst nicht um die zeitliche Komponente.

Flow wird dort als ein schmaler Kanal zwischen Langeweile und Angst definiert. Nach meiner Erfahrung lässt sich das Bild des Flowkanals nicht nur auf Ansprüche zwischen Langeweile und Angst anwenden, sondern auch auf Anforderungen zwischen Hektik und Trägheit, zwischen Burn out und Bore out, zwischen dem Gefühl der Überforderung, nicht wegen zu hoher inhaltlicher Anforderungen sondern weil es einfach zu viel ist und zu wenig Anforderung für das vorhandene Zeitpensum.

Die Dinge benötigen so viel Zeit, wie man ihnen gibt

Im Zeitmanagement gibt es die These: Die Dinge benötigen so viel Zeit, wie man ihnen gibt. So lange ich mich in diesem Flowkanal befinde, würde ich diese Aussage voll und ganz unterschreiben. Habe ich so viel zu viel zu tun, dass ich keine Chance mehr habe, meinen Vorhaben ein für mich angemessenes Zeitfenster einzuräumen, haut die These nicht mehr hin und wenn ich zu viel Zeit habe, dann brauche ich nach meiner Erfahrung fürs Anlauf nehmen oft deutlich mehr Zeit als für das eigentliche Vorhaben. Ich beobachte dieses Phänomen schon seit geraumer Zeit und habe mich mit vielen Menschen darüber ausgetauscht. Wenn ich endlich mal richtig viel Zeit hätte, schaffe ich nichts mehr.

Marienthal in Agonie

Ein Beispiel aus der Geschichte Österreichs belegt dieses Phänomen eindrucksvoll:

„Marienthal war ein blühendes Städtchen südlich von Wien, bis der große Arbeitgeber am Ort in Schwierigkeiten geriet und seine Werkstore schließen musste. Dies geschah während der Wirtschaftskrise des Jahres 1929, als es für verlorene Jobs nirgends Ersatz gab. Obwohl niemand hungern musste, weil die ehemaligen Beschäftigten durch Arbeitslosenunterstützung einigermaßen abgesichert waren, richtet die Untätigkeit unter den vormals stolzen Arbeitern Verheerungen an. Marienthal versank in Agonie. Der Park, den die Arbeiter angelegt hatten, verwilderte, obwohl die Bevölkerung nun mehr als genug Zeit für seine Pflege gehabt hätte. Die Menschen zogen sich zurück, das Sozialleben erlosch fast völlig.“

Zitiert und zusammengefasst nach Stefan Klein: Die Glücksformel

In Marienthal schlug nicht nur zu, dass die Menschen zu viel Zeit hatten, ihnen fehlte auch die Aussicht, sich durch eigene Anstrengungen aus der ungewünschten Situation zu befreien. Die zunehmende Trägheit, die mit zu wenigen Anforderungen daherkommt, geht oft einher mit Gefühlen von Resignation und Hilf- oder Ratlosigkeit, wenn nicht gar Sinnlosigkeit.

Planung spart Zeit

Was hilft dagegen? Ich bin ja seit über 10 Jahren auch als Zeitmanagement-Trainerin unterwegs und für das Phänomen des Anlaufnehmens bei zu viel verfügbarer Zeit greift nach meiner Erfahrung eines der Grundprinzipien von Zeitmanagement: Planung spart Zeit. Wenn ich von außen keine Strukturen habe, dann ist es umso wichtiger, dass ich selbst mir welche schaffe. Indem ich schriftlich plane. Wenn eine reine to-do-Liste nicht reicht, dann tatsächlich mit Zeitfenstern, die ich mir selbst vorgebe. Und wenn es um etwas geht, das ich gern bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt hätte, dann finde ich den Vertrag mit mir selbst sehr hilfreich.

Das ist das Gesetz der Trägheit in Aktion

Außerdem bin ich ein Fan davon, mir immer mal wieder selbst Belohnungen in Aussicht zu stellen. Oder mich damit in die Gänge zu bringen, dass ich mir erst einmal vornehme, klein anzufangen – nur 10 Minuten, aber die jetzt sofort! Oft läuft es dann, wenn ich erst einmal ein paar Minuten investiert habe, „wie geschmiert“. Denn dann greift die Kraft des sogenannten Momentums. Bin ich erst einmal in Bewegung, brauche ich sehr viel weniger Energie, um in Bewegung zu bleiben, als ich vorher benötigt habe, um die Aktion zu starten. Das ist das Gesetz der Trägheit in Aktion! Das ist wie beim Fahrradfahren: die meiste Kraft brauche ich beim Losfahren. Danach rollt es mit wenig Kraftaufwand wie von allein (außer bergaufJ).

Und auch dieses Gesetz der Trägheit liefert uns ein schönes Bild dafür, warum zu wenig Auslastung zu noch mehr Trägheit führt. Wer sowieso schon aktiv ist, braucht sehr viel weniger Energie, um noch eine weitere Aktion anzugehen, als jemand, der erst vom Stillstand in die Bewegung kommen muss.

Das Pareto Prinzip

Und gerade wenn ich viel Zeit habe und damit im Prinzip viel Raum für Zweifel und Perfektionismus, wende ich auch noch gern das Pareto Prinzip an. Das Pareto Prinzip besagt, dass wir bei vielen Dingen, die wir zu tun haben, in 20% der Zeit 80% des Ergebnisses erzielen, dass wir dann aber noch einmal 80 % der Zeit aufwenden müssen, um die restlichen 20% bis zur 100%igen Perfektion zu erreichen. Zur Veranschaulichung verwende ich gern das Beispiel Staubsaugen. In 20% der Zeit erreiche ich 80% des Ergebnisses, indem ich nur die am meisten verschmutzten Flächen sauge. Will ich eine 100 Prozent saubere Wohnung und fange an, alle Möbel zu verrücken, dann brauche ich für die restlichen 20 Prozent bis zur Perfektion sicher 80% mehr Zeit. (Dennoch rücke auch ich bisweilen Möbel, nur eben nicht immer!).

Ich schreibe ja inzwischen regelmäßig Blogartikel. Würde ich bei meinen Artikeln an jedem Detail bis zur Perfektion tüfteln, hätte ich keine Zeit mehr für irgendwas anderes. Es würde dann schlicht und ergreifend diesen Blog nicht geben.

Das heißt, gerade wenn ich an und für sich viel Zeit zur Verfügung habe, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich ist, erst einmal die 80% Version fertigzustellen, die mich wenig Zeit kostet. Das verschafft mir auf jeden Fall schon mal ein Erfolgserlebnis. Wenn ich dann noch Lust habe auf mehr, kann ich immer noch tüfteln – aber das Risiko, der Trägheit anheim zu fallen ist mit dem Erfolgserlebnis im Rücken deutlich minimiert.

Mit Trippelschritten das Leben selbst in die Hand nehmen

Gegen Gefühle von Hilflosigkeit hilft nach meiner Erfahrung die Politik der kleinen Schritte. Gar nicht erst das große Ziel als Maßstab zu nehmen – wie in Marienthal das Ziel, wieder in Arbeit zu kommen – sondern kleine Erfolgserlebnisse zu sammeln. Der Schlüssel zu mehr Aktivität und Wohlbefinden ist auf jeden Fall der, Wege zu finden, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen – auch und erst recht bei Gegenwind. Und das geht meines Erachtens am ehesten über Trippelschritte.

 

 

 

 

 

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2 Antworten

  1. 18. Mai 2017

    […] Anforderungen machen auch nicht glücklich, wie Forschungen zum so genannten Flowkanal belegen (siehe auch meine Beitrag vom letzten Jahr.) Wer aber permanent nur für andere da ist, immer nur funktioniert, um am Ende des Tages völlig […]

  2. 7. September 2017

    […] nach wenigen Tagen hing ich durch und war alles andere als glücklich. Ich habe bereits im meinem Beitrag über den Flowkanal im letzten Sommer das Beispiel von Marienthal erwähnt. Das ganze Städtchen war in Agonie […]

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