NEIN-Sagen – die wiederkehrende Herausforderung

NEIN-Sagen – die wiederkehrende Herausforderung

Egal, ob im Stressmanagement-, im Zeitmanagement- oder im Work-Life-Balance-Seminar: Nein-Sagen ist immer ein Thema. Denn wer sich gut abgrenzen kann, hat mehr Zeit, weniger Stress und bekommt leichter eine gute Balance hin. So weit – so gut.

Schnell ist auch immer klar, dass es nicht an der Fähigkeit liegt, wenn das Nein-Sagen so schwer fällt. Jede meiner Teilnehmerinnen ist selbstverständlich in der Lage das kleine Wörtchen „Nein“ auszusprechen (meist diskutiere ich das Thema mit Frauen, deswegen wähle ich hier heute durchgängig die weibliche Form).

Die Hintergründe beim Nein-Sagen

Es hängt auf der Ebene der Glaubenssätze, es hat etwas mit Werten zu tun und oft mit der eigenen Identität und den Befürchtungen, die mit dem Nein-Sagen verknüpft sind.

  • Wenn ich „Nein“ sage, bin ich ein Kollegenschwein
  • Wenn ich „Nein“ sage, mag mich keiner mehr
  • Wenn ich „Nein“ sage würde, hilft mir auch keiner mehr
  • Wenn ich „Nein“ sage, bin ich ein Egoist
  • Wenn ich „Nein“ sage, bin ich unbeliebt
  • Wenn ich „Nein“ sage, werde ich das von meinem Chef zu spüren bekommen

Die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Positive Erfahrungen mit dem Nein-Sagen nutzen

In den meisten Seminaren lasse ich die Teilnehmer diese Glaubenssätze mit einer kleinen, aber feinen „Gleichgewichtsübung“ entmachten. In der Regel mache ich die Übung zuerst mit einer Person vor.

Im ersten Schritte bitte ich diese Person, die Überzeugung zum Nein-Sagen in die eine Hand zu nehmen, also zum Beispiel: wenn ich „Nein“ sage, bin ich ein schlechter Mensch.

Im zweiten Schritte bitte ich sie, in der anderen Hand ein Gegengewicht zu dieser Überzeugung zu sammeln. Und zwar in Form von drei Erfahrungen, die das Gegenteil der Überzeugung beweisen. Idealerweise aus verschiedenen Kontexten. Zum Beispiel: Ich habe es in diesem Jahr abgelehnt, die Weihnachtsfeier in der Abteilung zu organisieren. Ich habe einer befreundeten Mutter gesagt, dass ihr Sohn nicht am Wochenende bei unserem Sohn übernachten kann. Ich habe freundlich, aber bestimmt, der neuen Kollegin gesagt, dass ich heute keine Zeit habe, ihr den Umgang mit unserem Buchungsprogramm zu erläutern.

Im dritten Schritt lasse ich die Teilnehmerin nun spüren, dass beides irgendwie für sie wahr ist. Und zu guter Letzt bitte ich sie dann, beide „Wahrheiten“ zusammenzuführen, gern indem beide Hände in der Mitte zusammenkommen.

Und frage dann nach: Welche neue Überzeugung darf aus dieser Erfahrung entstehen? Die Antworten sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von: ich darf auch mal Nein sagen und bleibe trotzdem ein netter Mensch. Über: Es ist in Ordnung auch mal „Nein“ zu sagen.

Es geht um Gefühle

Das klingt jetzt vielleicht abstrakt. Manch einer mag auch denken: Wofür soll das gut sein. Das weiß ich doch auch vorher. Wissen vielleicht. Aber es ist eben nicht unser Wissen, das unser Handeln bestimmt. Es sind unsere Gefühle, die unsere Entscheidungen prägen. Und diese Gefühle wiederum sind Ergebnis unserer Bewertungen.

Und deswegen ist es viel effektiver als es vielleicht auf den ersten Blick scheint, unsere pauschalen, verallgemeinerten Überzeugungen immer mal wieder auf den Prüfstand zu stellen. Also: glaub mir kein Wort. Probier die Übung einfach mal aus.

Wenn Nein-Sagen wirklich nicht passt

Letztens hatte ich allerdings eine Gruppe vor mir, die mit dieser Idee nichts anfangen konnte. Die meisten der Anwesenden litten darunter, dass immer wieder das Zuviel an Arbeit, insbesondere wenn zu wenig Kollegen da waren oder zu viele krank waren, auf die noch vorhandenen Schultern verteilt wurde.

Schnell wurde klar, dass es ihren Werten widersprochen hätte, „Nein“ zu sagen. Denn dann hätten sie die anderen Kollegen im Regen stehen gelassen. Es ging also gar nicht darum „Nein“ sagen zu können. Es ging viel mehr darum, ein anderes Gefühl zum eigenen „Ja“ zu entwickeln.

Am liebsten wäre es den Teilnehmerinnen natürlich gewesen, wir hätten im Seminar dafür gesorgt, dass es mehr Mitarbeiter oder andere praktische Lösungen von außen gegeben hätte. Das konnte ich durchaus nachvollziehen, aber wenn ich für ein Stressmanagementseminar gebucht werde, dann fällt das nicht in meine Zuständigkeit. Dafür müsste ich schon als Beraterin für Organisationsentwicklung gebucht sein. Und bei derartigen Aufträgen geht es oft eher darum, Personal zu reduzieren, nicht darum, zusätzliches einzustellen.

Die eigene Einstellung

Wenn ich aber im Außen nichts ändern kann, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als bei mir selbst anzufangen. Wenn ich mich dafür entscheide, trotz unbefriedigender, für mich nicht veränderbarer Rahmenbedingungen zu bleiben, dann bleibt noch eine Schraube an der ich drehen kann: ich kann meine Einstellung verändern.

Wenn ich mich dafür entscheide „Ja“ zu sagen, weil mir der kollegiale Zusammenhalt am Herzen liegt, dann macht es sehr viel mehr Sinn, damit nicht auch noch zu hadern. Und deswegen haben wir dann im besagten Seminar erarbeitet, wie die Teilnehmerinnen von „ich muss“ zu „ich möchte“ gelangen. Der Weg geht über eine Reihe von Fragen und Antworten.

Von „ich muss“ zu „ich möchte“

  • Frage: Was würde passieren, wenn du „Nein“ sagst?
  • Antwort: Dann würden meine Kollegen noch mehr Arbeit aufgehalst bekommen.
  • Frage: Ist dir wichtig, dass das nicht eintritt?
  • Antwort: Ja. Ich möchte meine Kollegen nicht im Stich lassen.
  • Frage: Wenn dir wichtig ist, dass du deine Kollegen nicht im Stich lässt, kannst du dann jetzt sagen: Ich möchte meine Kollegen nicht im Stich lassen.
  • Antwort: Ja, das möchte ich.
  • Frage: Damit du deine Kollegen nicht im Stich lässt, ist es wichtig, dass du „Ja“ sagst?
  • Antwort: Ja.
  • Frage: Deine Kollegen nicht im Stich zu lassen und alles, was damit verbunden ist, ist dir wichtiger, als das Ablehnen der zusätzlichen Arbeit?
  • Antwort: Ja.
  • Frage: Wenn du das so wahrnimmst, kannst du dann jetzt sagen: Weil mir das kollegiale Klima wichtig ist, sage ich „Ja“ zu der zusätzlichen Arbeit.
  • Antwort: Ja.
  • Frage: Wenn du das so wahrnimmst, kannst du dann jetzt sagen: Ich möchte diese zusätzliche Arbeit machen?

Weil wir Preisvergleicher sind

An dieser Stelle kommt manchmal schon noch Protest. Weil es ja schon ein bisschen gemein ist, wenn ich jetzt plötzlich auch noch sagen soll, dass ich die Arbeit will, obwohl ich sie doch lieber nicht hätte. Aber es nützt ja nichts. Ich habe die Wahl die Arbeit schlecht gelaunt und mit dem Gefühl zu machen, ich bin Opfer widriger Umstände, ich werde ausgenutzt, ich werde unterdrückt. Oder ich mache die Arbeit und entscheide mich dafür aus freien Stücken, weil mir alle Alternativen noch weniger attraktiv erscheinen. Weil ich Preisvergleicher bin und der Preis dafür, sie abzulehnen, mir zu groß ist.

Wie würdest du dich entscheiden?

 Die Autorin: Ingrid Huttary, Aufbruchs- und Dranbleibcoach ingrid-rund
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