Vom sicheren Hafen und der Sehnsucht

Schiff im sicheren Hafen

Vom sicheren Hafen und der Sehnsucht

„Ein Schiff im Hafen ist sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.“ John Augustus Shedd

Sehnst du dich manchmal danach, ganz woanders zu sein, als dort, wo du gerade bist? Denkst du bisweilen darüber nach, wo du „eigentlich“ viel lieber wärst? Ich denke ja, dass dieser Zustand der Sehnsucht zum Leben dazugehört. Ohne Sehnsucht kein Fortschritt. Die Frage ist letztlich: wie oft geht es dir so? Die Dosis macht das Gift.

Welche Konsequenzen ziehst du aus deiner Sehnsucht?

Eine weitere wichtige Frage lautet: welche Konsequenzen ziehst du aus deiner Sehnsucht? Führt sie dazu, dass du anfängst, darüber nachzudenken, wie du sie umsetzen kannst? Oder überlässt du dich deinen Tagträumen, denkst dir aber insgeheim: das sind doch nur Spinnereien. Das ist vollkommen unrealistisch, da wird sowieso nichts draus.

Das Ergebnis meiner Entscheidungen

Ich habe an anderer Stelle ja schon einmal über die Aussage von Jens Corssen geschrieben: Wo ich bin, will ich sein… Das heißt, über den Aspekt, dass mein Status Quo das Ergebnis meiner Entscheidungen ist – nicht ausschließlich, ich entscheide ja nicht im luftleeren Raum, aber doch oft mehr, als wir uns gemeinhin eingestehen.

Was hält mich im sicheren Hafen?

Heute geht es mir um den Aspekt, der zum Zitat oben passt. Was hält mich im sicheren Hafen? Vor ein paar Tagen habe ich bei einem Kollegen ein Video über die Wohlfühlzone gesehen. Wenn ich immer nur sanft und verständnisvoll mit mir selbst umgehe, mit meinen Ausflüchten und Ausreden, dann ist es nicht verwunderlich, wenn in meinem Leben nicht viel vorangeht.

Wachstum entsteht nur in Bewegung. Manchmal sind es Krisen, die uns ins Handeln bringen. Solange alles einigermaßen in Ordnung ist, besteht einfach oft kein wirklicher Handlungsbedarf. Es muss im Grunde erst schlimm genug werden, damit Menschen ins Handeln kommen.

Das vermeintlich eigentliche Leben

Jens Corssen erzählt auf derselben CD, aus der auch der obige Satz stammt, von einem Klienten, der mit psychosomatischen Beschwerden in seine Praxis kam. Im Verlauf des Gesprächs ließ Corssen den Mann selbst erkunden, welche Gedanken ihn krank machten. Zunächst fragte er ihn, warum er diese Beschwerden habe. Der Mann stutzte zunächst, dachte nach und meinte dann: „Ich lebe nicht mein eigentliches Leben. Ich würde lieber auf einer griechischen Insel leben.“

Als Corssen sofort zum Telefonhörer griff, um ihn in die Verwirklichung seines „eigentlichen Lebens“ zu schicken, hielt der Mann ihn erschrocken zurück. „Halt. Das geht nicht.“ Und zählte all die guten Gründe auf, warum er da, wo er ist, auch sein möchte: seine Familie, seine Mutter, das Erreichen von beruflichen Zielen, finanzielle Erwägungen … Das Gespräch gipfelte darin, dass er Corssen darum bat, anzuerkennen, dass sein Haus in Italien doch schon fast wie griechische Insel sei.

Klarheit macht gesund

Der Effekt war verblüffend. In dem Moment, wo der Mann aufhörte, zu denken, dass er eigentlich lieber woanders wäre, verschwanden die psychosomatischen Symptome. In dem Fall bestand das Handeln darin, das „eigentlich“ zu streichen und anzuerkennen, dass das selbstgewählte Leben auch das selbst gewünschte ist. Die Erfahrung mache ich auch immer wieder in Seminaren. Letztens erzählte mir eine Teilnehmerin, dass sie sich oft danach sehnt, mehr Zeit zu haben, um endlich mal in Ruhe zu lesen. Als sie dann aber tatsächlich krank auf dem Sofa lag, sehnte sie sich bereits nach zwei Stunden Lesen in ihr aktives, quirliges normales Leben zurück.

Bewusstsein schaffen

Wenn es aber tatsächlich so ist, dass ich gern woanders wäre, dann haben die Antworten auf die Frage, „Was hält mich im sicheren Hafen?“, meist etwas mit Ängsten und Zweifeln zu tun.

Im obigen Beispiel war dem Betroffenen weder bewusst, dass er eine Sehnsucht nach einem anderen Leben hegte, noch war ihm klar, dass er diesen Traum zwar gern träumte, letztlich aber doch lieber blieb, wo er war.

Unsere Ängste und Zweifel sind uns oft ebenso wenig bewusst. Je weniger uns jedoch klar ist, was uns zögern lässt, umso diffuser wird auch unser Handeln. Schritt eins ist deswegen den vagen Traum als klares Ziel zu formulieren. Und wenn ich dann nicht loslege, dann sollte ich mich fragen, was mich zurückhält.

Ein erhellendes Fragenset

Mein Kollege Martin Weiss hat dafür ein interessantes Fragenset zusammengestellt:

  • Warum ist es gut, Dein Ziel, NICHT zu erreichen?
  • Was spricht gegen Dein Ziel?
  • Was könnte schiefgehen, wenn Du Dein Ziel erreichst?
  • Was würde Dir möglicherweise genommen werden, wenn Du Dein Ziel tatsächlich umgesetzt hast?

Entmachtung der Gummibänder

Als ich mir diese Fragen gestellt habe, sind mir sehr deutlich all die Gedanken hochgekommen, die mich wie an einem Gummiband nach hinten ziehen und immer wieder selbst ausbremsen. Und bereits im Schreiben habe ich gespürt, dass diese Gedanken zwar da sind, dass sie zu mir gehören, dass die Ängste und Zweifel, die ich da geäußert habe, meine sind. Ich habe aber während ich sie festhielt schon tief drinnen auch ein ganz großes „Nein“ gehört und gespürt.

Beide Seiten wahrnehmen und das TROTZDEM spüren

Für mich war es deswegen heilsam, beides gleichzeitig zuzulassen, wahrzunehmen und anzunehmen. All die mehr oder minder bewussten und so halb im Verborgenen in mir agierenden Kräfte, die gegen die Umsetzung meines Ziels sprechen und die Auflehnung dagegen. In mir regte sich ein TROTZDEM. Und so hat das Bewusstmachen bei mir dazu geführt, dass ich jetzt mit mehr Klarheit unterwegs bin, meine „Neins“ kenne und würdige, mich von Ihnen jetzt allerdings weniger stark beeinflussen lasse.

Ich wünsche dir ruhige See und den passenden Wind für das Verlassen des sicheren Hafens!

 

 Die Autorin: Ingrid Huttary, Aufbruchs- und Dranbleibcoach ingrid-rund
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