Von Eulen und Lerchen – das angeborene Zeitempfinden

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Von Eulen und Lerchen – das angeborene Zeitempfinden

Wenn ich am Wochenende aufstehe, habe ich in der Regel die ersten Stunden des Tages ganz für mich allein. Meine Töchter tun, was fast alle Teenager tun – sie schlafen bis in die Puppen, wenn der Schulalltag ihnen nichts anderes vorschreibt. Und mein Mann gehört von Hause aus zu den so genannten Eulen. Wenn es keine zwingenden äußeren Rahmenbedingungen gibt, macht er gern die Nacht zum Tag – und genießt dann die Ruhe, die ich morgens habe.

Solche verschobenen Rhythmen gibt es nicht nur in unserer Familie. Würde man Menschen ohne äußeren Zwang ihrem eigenen Rhythmus überlassen, würde ein Teil von ihnen erst um die Zeit schlafen gehen, zu der ein anderer Teil bereits wieder aufsteht.

Die Wirkung äußerer Zwänge

Leider machen die Abläufe und Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft viele zeitliche Vorgaben. Was sicher für das tägliche Zusammenspiel vieler Vorgänge förderlich ist, ist für den anders tickenden Menschen hingegen eher anstrengend. Wer gegen seinen persönlichen Rhythmus lebt, braucht für viele Dinge mehr Zeit als eigentlich nötig.

In der Arbeitswoche häufen viele Eulen eine Art „Schlafschuld“ an, die an den freien Tagen dann durch vermehrten Schlaf „abgearbeitet“ wird. Die Lerchen hingegen schlafen gleichmäßig lang in der Arbeitswoche und am Wochenende. Eulen leben also offensichtlich in der Arbeitszeit gegen ihren Rhythmus und gewöhnen sich auch nicht daran.

Lerchen und Eulen sind die beiden Extreme, wobei es wohl mehr extreme Eulen als extreme Lerchen gibt. Dazwischen tummelt sich die überwiegende Mehrheit der Menschen.

Die Körperzeit

Doch woher kommen diese großen Unterschiede im Zeiterleben und im Schlaf-Wach-Rhythmus? Was wir als Zeit erleben ist nicht nur ein Phänomen der Außenwelt, sondern zugleich unseres Bewusstseins. Unser Zeitempfinden entsteht indem beides Umwelt und Bewusstsein zusammenspielen. In unserem Körper gibt es eine Art Körperzeit, die sehr präzise Blutdruck, Hormone und Magensäfte regelt. uns müde werden und erwachen lässt.

Doch obwohl die Körperzeit unser ganzes Dasein steuert, ist sie nicht die Zeit, die wir empfinden. Das Bewusstsein erzeugt seine eigene Zeit – die innere Zeit. Die Körperuhr bestimmt die Zeit automatisch – 16 Stunden, nachdem wir erwacht sind, werden wir wieder müde. Die innere Uhr hingegen hängt davon ab, womit sich das Bewusstsein gerade beschäftigt. Sie zu erleben ist eine höchst komplizierte Leistung unseres Gehirns.

Innere Uhren in jeder Zelle

Innere Uhren steuern jedes Lebewesen durch den Tag. Der menschliche Körper besteht aus bis zu 100 Billionen Zellen und jede dieser Zellen hat eine eigene innere Uhr. Den Mechanismus kann man sich vorstellen wie das Prinzip einer Sanduhr. Jede Zelle produziert eine bestimmte Menge an Eiweißstoffen. Ist das Maß voll, dreht sich die „Sanduhr“ und die Proteine beginnen wieder zu zerfallen, bis eine bestimmte Menge unterschritten ist und das Ganze von vorn beginnt. So ist in jede Zelle ein ganz eigenes Zeitmaß eingebaut – unabhängig von Hell und Dunkel.

Die Zentraluhr hinter der Nasenwurzel

Reguliert wird dieser Überfluss an inneren Uhren beim Menschen von einer Art Zentraluhr, dem suprachiasmatischen Nucleus, einem Paar reiskorngroßer Nervenknoten, die in jeder Gehirnhälfte etwa zwei Finger breit hinter der Nasenwurzel sitzen. Ist dieser Nucleus zerstört, etwa durch einen Gehirntumor, gerät das Zeitempfinden der Betroffenen völlig aus dem Ruder. Sie essen, schlafen und erwachen zu beliebigen Zeiten.

Die Dauer des biologischen Tages ist angeboren

Wie lange genau der biologische Tag dauert, ist offenbar angeboren. Bei einigen Menschen beträgt die Schwingungsdauer 24 Stunden und 5 Minuten, bei anderen 30 Minuten länger. Um ein paar Minuten hinkt die innere Uhr eines jeden Menschen also dem Wechsel von Tag und Nacht hinterher.

Alle Geschöpfe nutzen daher zusätzlich die Sonne, um ihr Chronometer zu justieren. Wenn ein neuer Morgen anbricht, wird die Uhr in der Zelle auf die richtige Stunde gestellt, abends wird die innere Uhr erneut justiert. Dies geschieht, indem die Lichtsignale Botenstoffe aktivieren, welche die Reaktionen in der Zelle und damit die biologische Sanduhr beschleunigen oder verzögern. Deswegen liegt der für die Zeitregulation zuständige Nervenknoten keineswegs zufällig dort, wo sich die Sehnerven der Augen kreuzen.

Damit wir Sommers wie Winters genug Schlaf bekommen, verlangsamt die innere Uhr ihre Anpassung, wenn es länger hell ist als nach dem inneren Takt zu erwarten, so dass die Ruhezeit des Körpers das ganze Jahr etwa acht Stunden beträgt, unabhängig von der Jahreszeit.

Ob jemand eher eine Eule, also ein Spätzubettgeher und Spätaufsteher ist oder als Lerche den frühen Vogel fängt, hängt davon ab, in welchem Tempo die eigene innere Uhr tickt. Braucht diese 24 ½ oder mehr Stunden für einen Umlauf, muss sie jeden Morgen massiv vorgestellt werden.

Vom Einfluss des Lichts

Am wirkungsvollsten kann das Morgenlicht bei der Eule wirken, wenn es diese in einer möglichst frühen Phase des Schlafs erwischt. Deswegen geht die Eule spät zu Bett – und steht spät auf. So hat das Licht viel Zeit zu wirken. Bewegt sich die innere Uhr ziemlich genau im 24 Stunden Rhythmus, muss wenig nachjustiert werden. Solche Menschen gehen früh zu Bett und stehen früh auf, damit das Morgenlicht in einer möglichst späten Phase des Schlafes auf sie trifft und ihre innere Uhr so nicht noch weiter beschleunigt.

Zwar kann man mit Vorhängen und Rolladen dem natürlichen Rhythmus etwas entgegenwirken, ihn gänzlich ausschalten kann man jedoch nicht. Auch ist es wohl so, dass die Eulen- und Lerchengene vererbbar sind. In unserer Familie lässt sich das auf jeden Fall beobachten. Die Mutter der Eule an meiner Seite ist ebenfalls ihr Leben lang spät zu Bett gegangen.

Altersabhängige Unterschiede – Teenager sind fast alle Eulen

Neben dieser angeborenen Veranlagung gibt es noch altersabhängige Unterschiede. Kleine Kinder wecken ihre Eltern in der Regel sehr früh. Dagegen sind fast alle Teenager Eulen. Bei ihnen wird das Nachthormon Melatonin erst spät am Abend ausgeschüttet. Gemessen wird in der Forschung die Mitte des ungestörten Schlafzeitraums und die verschiebt sich bei Jugendlichen (ca. 15 bis 20-jährige) auf etwa 4:45 bis 5:30. Beim „Normalschläfer“ liegt diese etwa bei 3:30. Deswegen werden sie einfach erst sehr spät müde. Und hängen morgens entsprechend in den Seilen – vor 10 Uhr laufen die wenigsten zur Höchstform auf. Schade nur, dass unser Schulsystem darauf keine Rücksicht nimmt. Chronobiologen fordern schon seit einiger Zeit, dass insbesondere im Winter die Schulzeit den Bedürfnissen der Beschulten angepasst wird. Denn nur Licht kann in den Morgenstunden späte innere Uhren nach vorne stellen. Jugendliche vollziehen das Aufwachen und den Schulweg im Winter aber in Dunkelheit.

 

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6 Antworten

  1. Merve sagt:

    Die „Schlafschuld“ kannte ich noch nicht. Super spannende.
    Danke Ingrid 🙂
    vlG, Merve

  2. Gina Kraft sagt:

    Und ich??? Ich war immer auch eine Nachteule – hat sich aber ab circa 49 schlagartig umgestellt zum Lerchenwesen – hmmm, vielleicht bin ich dann mit 49 endlich keine „teenager“ mehr… Danke Ingrid, eine Aritkle die wirklich informiert!

  3. iliane sagt:

    Cool, hab ich noch nicht gewusst…dann bin ich auch ne „Nachteule“…danke für den Artikel Ingrid

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