Von Kindererziehung und Gewohnheiten

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Von Kindererziehung, Enttäuschungen und fehlenden Gewohnheiten

„Tagein tagaus habe ich immer alles für sie getan und wenn ich sie dann einmal um etwas bitte, dann passiert gar nichts.“ So oder so ähnlich habe ich viele Mütter in meinem Umfeld schon enttäuscht über ihre Kinder klagen gehört. Und weiß von mir selbst, dass ich durchaus auch schon ähnliche Gedanken gehegt habe. Grad erst vor ein paar Tagen im Work-Life-Balance-Seminar sind wir wieder einmal auf das Thema zu sprechen gekommen.

Gelegentliche Aufgaben kosten viel Energie

Klingt ja auch nachvollziehbar. Dass der Nachwuchs wenigstens, wenn es eng ist, einsehen sollte, dass er sich dieses eine Mal jetzt aus lauter Dankbarkeit für die vielen Male Schonung freudig einbringen sollte. Tut er aber nicht. Nicht etwa aus Undankbarkeit, sondern einfach, weil gelegentliche überraschende Aufträge sehr viel mehr Überwindung und Willenskraft kosten als regelmäßige, wiederkehrende Aufgaben.

Diese Weisheit gilt im Übrigen nicht nur für den Nachwuchs, sondern ebenso für den eigenen Partner sowie für Kollegen und Mitarbeiter. Wenn ich ausnahmsweise eine Aufgabe übernehmen soll, fehlen Routine und Selbstverständlichkeit.

Weniger Reibungsverluste durch Gewohnheiten

Deswegen gilt für Führungskräfte wie für Eltern, dass das Delegieren von Aufgaben am besten funktioniert, wenn dabei Routinen und Gewohnheiten etabliert werden. Unser Alltag ist ein bisschen wie ein Uhrwerk, in dem lauter Räder ineinandergreifen. Gehört eine Aufgabe selbstverständlich dazu, entstehen deutlich weniger Reibungsverluste, als wenn ich nur ab und an einbezogen werde. Bei gelegentlichen Aufträgen kommt die zusätzliche Aufgabe im Grunde immer ungelegen. Ist es aber eine Selbstverständlichkeit, dass ich meinen Teller immer nach dem Essen abräume, dass ich immer nach dem Essen mit abwasche, dass es mein Job ist, die Spülmaschine auszuräumen, dann braucht es kaum noch Aufraffen und deutlich weniger Willenskraft.

Auf Autopilot unterwegs

Du kennst vermutlich selbst etliche Beispiele für unbewusstes Handeln aus purer Gewohnheit. Bist vielleicht selbst schon das eine oder andere Mal aus purer Gewohnheit den Weg zur Arbeit gefahren, weil du gerade in Gedanken oder im Gespräch warst, und das, obwohl du eigentlich in diesem Moment ganz woanders hinfahren wolltest. Für eine halbwegs gerechte Lastenverteilung im Alltag ist das sinnvollste Ziel, dass alle Beteiligten bei ihren Aufgaben ähnlich auf Autopilot fahren wie wir, wenn wir versehentlich den vertrauten Weg einschlagen.

In seinem überaus lesenswerten Buch „Die Macht der Gewohnheit“ schreibt Charles Duhigg, dass die Formel für das Etablieren von Gewohnheiten darin besteht, einen Auslösereiz mit einem Ritual zu verbinden, dem dann eine Belohnung folgt, die ein Verlangen erzeugt, sodass das neue Verhalten nicht mehr wegzudenken ist.

Operante Konditionierung im Alltag

Bei der Etablierung von neuen Aufgaben im Alltag reicht nach meiner Erfahrung als Belohnung schon aus, dass negative Konsequenzen ausbleiben. Vielleicht kennst du noch die Experimente von B.F. Skinner, der Ratten entweder mit Futter belohnte oder damit, dass sie durch Betätigung eines Hebels unangenehmen Strom abschalten konnten. Beides funktionierte sehr schnell.

Wenn klar ist, dass ich durch freiwilliges regelmäßiges Ausräumen der Spülmaschine unangenehme Konsequenzen vermeiden kann, ist deshalb diese Vermeidung Belohnung genug. Und meines Erachtens sogar effektiver und sinnvoller als positive Verstärkung, die ich ja im Grunde nicht auf Dauer betreiben möchte. Allerdings erfordert es von Seiten des Erziehenden bzw. der Führungskraft natürlich Konsequenz bis die Gewohnheit wirklich etabliert ist.

Bin ich bereit es durchzuziehen?

Jedes Mal verlässlich den Nachwuchs aufzuscheuchen, wenn seine Aufgabe „vergessen“ hat, kostet anfangs mehr Energie, als es doch mal schnell selbst zu machen. Daran scheitert es meistens und ich weiß von mir selbst, dass ich sicher mehr delegieren könnte, wenn ich bereit wäre, diesen Anfangsaufwand zu betreiben. Deswegen lautet für mich die entscheidende Frage: Lohnt sich der Anfangsaufwand und bin ich bereit, mein Anliegen konsequent durchzuziehen?

 

 

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2 Antworten

  1. Merve sagt:

    Hallo Ingrid,
    DANKE für diese wertvolle Erkenntnis! Eigentlich ganz logisch, aber ich habe noch nie darüber nachgedacht.
    Wenn ich an meine eigene Kindheit zurück denke, da gab es immer Aufgaben, die wir Kinder übernehmen mussten. Das war zwar nicht angenehm und sicher hat unsere Mutter uns des Öfteren „erinnern“ müssen – aber verglichen mit den zusätzlichen Aufgaben hin und wieder, waren die gewohnten, regelmäßigen Aufgaben ein Klacks.
    Hehe, ich werde schauen, wie ich mir das mit Partner und Kollegen zunutze machen kann 😉
    Liebe Grüße
    Merve

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