Was ich hab, das hab ich

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Was ich hab, das hab ich oder Verlustaversion lässt grüßen

Ich habe ja letzte Woche bereits einige kognitive Verzerrungen vorgestellt und auch heute geht es um eine dieser Verzerrungen, die uns immer wieder in unseren Entscheidungen beeinflusst: die Verlustaversion. (Danke Barbara Lampl für die Inspiration zum Thema)

Lass uns zunächst mit einem kleinen Experiment beginnen: Stell dir vor, du siehst eine schöne Tasse, keine besonders wertvolle, eine normale, schöne Tasse. Und überleg dir, was du bereit wärst, dafür auszugeben. Hast du? Ok. Und dann stell dir im nächsten Schritt vor, du hättest dieselbe Tasse geschenkt bekommen. Wie viel müsste dir jemand bieten, damit du ihm die Tasse, die du ja geschenkt bekommen hast, verkaufst? Und? Ergibt sich bei dir eine Differenz?

Der Wert passt sich an

Dieses Tassenexperiment wurde von einem Forscherteam um Kahnemann, den Begründer der Neuen Erwartungstheorie, deren Bestandteil die kognitiven Verzerrungen sind, x-fach durchgeführt. Im Schnitt verlangten die Menschen für die Tasse, die sie bereits besessen haben, doppelt so viel, wie sie bereit waren für den Erwerb derselben Tasse, so lange sie ihnen nicht gehörte, auszugeben. Wer bereit war ca. 3 Dollar zu bezahlen, verlangte für die Tasse, die ihm bereits gehörte, 6 Dollar.

Unser Gehirn setzt auf Sicherheit

Das menschliche Gehirn ist scheinbar so organisiert, dass es uns in erster Linie vor Verlusten schützen will. In einer anderen Studie, die unterschiedliche Hirnschädigungen einbezog, fand ein Forscherteam um Joshua Weller heraus, dass Entscheidungsprozesse, bei denen es um die Möglichkeit von Gewinnen geht, deutlich störungsanfälliger sind als solche, bei denen es um das Risiko von Verlusten geht.

Dieses Thema der Verlustaversion begegnet uns im Alltag auf Schritt und Tritt: Sehr oft scheuen wir davor zurück, Dinge aufzugeben. Manche Menschen bleiben über Jahrzehnte in Beziehungen oder in Jobs, die ihnen nicht gut tun, weil die Angst vor dem Verlust dessen, was da ist, größer ist als die Hoffnung auf den besseren Neubeginn.

Warum Anrufer im Vorteil sind

Die Verlustaversion begegnet uns aber auch im Kleinen. Hast du dir schon einmal überlegt, warum die meisten Menschen ans Telefon gehen, obwohl sie gerade mit jemand anderem im Gespräch sind? Warum also der unbekannte Anrufer in der Regel dem Menschen uns gegenüber vorgezogen wird? Und warum es den meisten eine gehörige Portion Selbstdisziplin abverlangt, wenn sie dem Impuls, ans Telefon zu gehen, widerstehen?

Hinter diesem Automatismus steckt ebenfalls die Angst, ich könnte etwas verlieren. Denn der Anrufer hat eine Eigenschaft, die dem direkten Gegenüber fehlt: die potentielle Unerreichbarkeit. Wenn ich nicht ans Telefon gehe, könnte mir der Anruf und die damit einhergehende womöglich wichtige Information vorerst oder gar für immer verloren gehen. Sei die aktuelle Unterhaltung auch noch so interessant, mit jedem Klingeln des Telefons rückt der Anrufer in unerreichbarere Ferne. Obwohl ich heutzutage in der Regel sehen kann, wer angerufen hat. Aber das juckt meine tieferen Hirnregionen herzlich wenig.

Aus den Augen aus dem Sinn

Diese Angst, etwas zu verpassen, beobachte ich heutzutage sogar bei Whats App Nachrichten, die gar nicht verloren gehen. Meine Erfahrung sagt mir, dass es nichts nützt, hier rational zu argumentieren, um mehr Wertschätzung für die anwesenden Personen zu erzeugen. Das Einzige was hilft, ohne den Willenskraftmuskel allzu sehr überzustrapazieren oder den häuslichen Frieden zu gefährden, ist die Verbannung des akustischen oder visuellen Reizes. Wenn ich weder höre noch sehe, dass jemand anderes versucht mich zu erreichen, läuft die unbewusste Schleife nicht an: aus den Augen bzw. den Ohren aus dem Sinn.

Träumen statt handeln

Für das Thema Selbstmotivation ist ein weiterer Effekt der Verlustaversion oft eine massive Bremse. Manche Menschen legen lieber nicht los und fangen lieber gar nicht erst an, ihren Traum umzusetzen. Denn immer wenn ich handle besteht auch das Risiko, dass etwas schief geht, dass Dinge anders laufen, als gewünscht, dass ich womöglich sogar scheitere. Solange ich vom großen Durchbruch träume, lebe ich ihn zwar nicht, aber er bleibt mir zumindest in der Vorstellung erhalten. Und solange ich mich nicht in die Öffentlichkeit wage, mich nicht zeige, kein Wagnis eingehe, kann ich zumindest zu Hause auf der Couch das Bild des Erfolgs hegen und pflegen.

Versteh mich hier bitte nicht falsch. Dem Phänomen der Verlustaversion ist kognitiv nicht mal eben beizukommen, so nach dem Motto: Stell dich nicht so an. Mach doch einfach. Deswegen ist das hier auch auf keinen Fall als Vorwurf gedacht, sondern als Anregung, mal zu schauen, wo du dich selbst ausbremst und welchen Verlust du befürchtest.

Ich coache seit vielen Jahren und oft mit erstaunlich schnellen Ergebnissen in kürzester Zeit. Wenn es jedoch um so tief sitzende Mechanismen wie die Verlustaversion geht, dann weiß ich, dass es manchmal Zeit braucht, bis der Glaube daran, es schaffen zu können, größer wird, als die Angst vorm Scheitern.

 Die Autorin: Ingrid Huttary, Entscheidungs- und Dranbleibcoach ingrid-rund

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Vielleicht bin ich ja genau die Richtige, um dich aus dem Drama des (Ver)zweifelns ins Handeln zu begleiten.

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4 Antworten

  1. Gina Kraft sagt:

    Danke Ingrid! Message angekommen!

  2. Gina Kraft sagt:

    Liebe Ingrid, Danke für diesem Post (und alle deiner Posts oder dein, deinen, deinem Posts.)
    Zu der Tassen Experiment, fiel mir ein, „hast du (ich meine ich) alle Tassen in Schrank?“ als erstes. Für die Tasse, konnte ich kein Wert feststellen, weil es hängt immer davon ob, wie schön ich die Tasse finde. Beim diesjärige Flohmarkt, habe ich tatsächlich 2 Tassen gekauft (mit Maikaifer drauf – weil ich weiss, die Verkauferin – ein 10-jähriges Mädchen und ehemaligen Schülerin von mir, Maikäfer sehr, sehr mag. Ich habe diese 2 Tassen nur gekauft weil ich wollte unbedingt, dass das Mädchen etwas Erfolg hatte bei diesem Projekt – und weil, wenn ich die Tassen benutzte, an sie denken werde (tue ich auch – obwhol ich in der Regel meine gewohnten Tassen benutze wegen eben deren Geschichte. Glaube, ich wurde meine neuen aber nicht verkaufen – aber falls jemanden sich in denen verlieben sollte, wurde ich die Tassen schenken. Aber ich sehe dein Punkt. Was mich momentan von mein Vorhaben (das Buch in 1. Draft fertig haben bis Jahresende) zurück steht ist: Während des Schreibens, ändert sich das Buch – eben weil durch schreiben, kommen Änderung in mir zum Vorschein. Es ist sehr spannend. Immerhin, schreibe ich jeden Tag! (Was vor den Challenge absolut nicht der Fall war.) Gestern z.Beispiel, schrieb ich eine 6 Seitige! Facebook post (der Ausgangs Punkt: Ich habe den impulse gefolgt ein Brief an 33 FB Freunde, die auf ein andere Post von mir reagiert habe (including you!). Die Reaktionen die kommen, verstärken mein Gefühl, es war ein super Impulse. Allerdings, ich muss (und ich will) dranbleiben an mein ührsprungliches Projekt. Insofern, mache ich jetzt hier Schluß und gehe an die Arbeit. Ich freue mich dich in Oktober zu sehen! G

    • Liebe Gina, ja, der Wert einer Tasse oder auch anderer dinge bemisst sich nicht immer nur am materiellen – good point. Und ja, Schreiben ist manchmal wie das Leben: life is what happens, while your busy making other plans. Kleist sprach schon vom allmählichen Verfertigen des Gedankens beim Reden, das trifft sicher auch auf das Schreiben zu. Trotzdem wäre es schön, wenn du irgendwann an den Punkt kämst, wo die Linie klar ist, der rote Faden entschieden ist und du daran entlang deine Geschichte erzählst. Sonst läuft dein Projekt Gefahr, ein privates Geschichten- und Tagebuch zu bleiben. Und das ist nicht das Ziel!!! Liebe Grüße Ingrid

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