Warum der Glücksrausch nie anhält

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Warum der Glücksrausch nie anhält

Die hedonistische Adaption

Vor ein paar Tagen bin ich bei einem Kollegen über den Begriff der hedonistischen Adaption gestolpert. Was so schön lateinisch klingt, ist der Fachbegriff aus der Psychologie, der die menschliche Fähigkeit beschreibt, sich an die Umstände anzupassen, egal ob diese gut oder schlecht sind. Diese Anpassungsfähigkeit liegt in der Natur des Menschen. In einer Studie wurden sowohl querschnittsgelähmte Unfallopfer als auch Menschen, die eine hohe Summe im Lotto gewonnen hatten ein Jahr nach dem einschneidenden Ereignis aufgefordert, ihr Glücksniveau einzustufen. Die Lotteriegewinner waren im Durchschnitt nicht glücklicher als andere Menschen. Die Unfallopfer waren zwar etwas weniger glücklich als die meisten Menschen, aber sie empfanden sich selbst trotzdem als relativ glücklich, weil sie besser mit ihrer Situation zurechtkamen als sie es erwartet hatten.

Die Zeit heilt alle Wunden

Unmittelbar nach dem einschneidenden Ereignis lag der Glückspegel der Lotteriegewinner noch deutlich über dem Durchschnittswert, doch hält so ein Glücksrausch halt nicht vor. Dasselbe galt für die Verunglückten und deren Verzweiflung. Und wer schon mal um eine verflossene Liebe getrauert hat, weiß, dass auch solche Gefühle in der Regel mit der Zeit verblassen. Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden – es sei denn, wir reißen sie selbst immer wieder auf. Das sind dann die Beispiele, die sich auch 30 Jahre später noch über lang vergangenes Unrecht aufregen können.

Der hedonistischen Adaption ein Schnippchen schlagen

Eine der Schlussfolgerungen aus dieser natürlichen menschlichen Anpassungsfähigkeit ist die, dass Dinge, Gegenstände, Besitztümer nicht dauerhaft glücklich machen. Wir gewöhnen uns im Grunde viel zu schnell an das neue Auto, die neue Uhr, das neue Kleid, das x-te Paar Schuhe, das neue Handy. Oft so schnell, dass wir uns wirklich gut überlegen sollten, ob die Investition sich tatsächlich gefühlsmäßig auszahlt. Günstiger für das eigene Glück ist es, immer wieder für schöne Erlebnisse zu sorgen. Oder beides zu kombinieren, indem ich mich, wenn ich mir etwas leiste, dann auch immer wieder daran freue. Mir ist zum Beispiel nicht wichtig, wie schön mein Auto ist, aber vor Jahren habe ich mir dann endlich mal ein Auto mit Fernbedienung zum Öffnen und Schließen gegönnt. Und bis heute freue ich mich an dieser Kleinigkeit und genieße dieses Kommando aus der Ferne – immer wieder aufs Neue. Und schlage so der hedonistischen Adaption ein Schnippchen. Das mag dem verwöhnten Neuwagenfahrer völlig unverständlich und albern erscheinen. Aber für mich sind es immer wieder kleine Momente der Freude.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Eine andere Schlussfolgerung passt zu meinem Zitat von Gene C. Hayden von letzter Woche: „Egal wofür wir uns entscheiden. Nichts wird uns in einen fortwährenden Zustand der Glückseligkeit bringen.“ Jeder Weg bringt seine Höhen und Tiefen mit sich. Und egal wohin wir gehen, irgendwann ist die Anfangseuphorie verflogen. Deswegen heißt es nicht von ungefähr: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.” Irgendwann wird jeder Zustand zur Normalität werden. Die gute Nachricht darin ist die, dass es oft weit weniger wichtig ist, wofür wir uns entscheiden als wir gemeinhin denken.

Wirf notfalls eine Münze

Auch hier, finde ich, bringt Gene C. Hayden (Bleib dran, wenn dir was wichtig ist) es gut auf den Punkt: „Hinter jeder Tür lässt sich etwas Wertvolles entdecken, aber keine wird zu einem perfekten Leben führen.“ Wenn du dich schwer tust, dich zwischen zwei ähnlich attraktiven Wegen oder Möglichkeiten zu entscheiden, dann wirf notfalls eine Münze. Denn letztlich ist es gar nicht so wichtig, welche Alternative du wählst. Wichtiger ist es, den eingeschlagenen Weg dann zu verfolgen, das Beste daraus zu machen und auf dem eingeschlagenen Weg dann so viele schöne Momente wie möglich zu entdecken und zu genießen. Wichtig finde ich allerdings den Zusatz „zwei ähnlich attraktive Möglichkeiten“. Denn der Gewöhnungseffekt führt halt auch oft dazu, dass wir in unattraktiven Zuständen verharren. Schließlich wissen wir nicht, was uns erwartet, wenn wir zu neuen Ufern aufbrechen.

  • Wo schlägst du dem Gewöhnungseffekt ein Schnippchen?
  • Wo verharrst du, statt aufzubrechen?
  • Und wo hängst du fest, weil du dich nicht entscheiden kannst?

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5 Antworten

  1. Hannes Hofmarcher sagt:

    Ein schöner Artikel. Es geht nicht darum, wie die Dinge sind, sondern wie wir sie betrachten.
    You don’t look at things as they are, you look at things as your are.

    LG
    Hannes

  2. Gina Kraft sagt:

    Danke liebe Ingrid für schön wieder ein Artikel die zum Nachdenken und Aktion aufmuntert! (Mir geht es genau so wie bei dir beim aufmachen mein Auto mit den “Klick-mich-Fernbedeinung” – und auch, jeden “Flug” mit unsere “Aufzug” bring mehrmals Täglich ein Kick – besonders, wenn die Katze mitfährt.

    • Liebe Gina, schön, wenn du dir die Begeisterung für die technischen Errungenschaften im Alltag erhältst. Und natürlich freut es mich sehr, zu lesen, dass mein Artikel dich zum Nachdenken und Handeln anregt.
      Freudige Grüße
      Ingrid

  1. 5. April 2018

    […] auch mit dem Glücksempfinden. Ich habe an anderer Stelle schon einmal über die so genannte hedonistische Anpassung geschrieben. Diese in der menschlichen Natur liegende Fähigkeit, sich zu gewöhnen an das, was man […]

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