Die natürliche Verzerrung

Verzerrung - Frau mit verzerrtem Gitter vor dem Kopf

Die natürliche Verzerrung

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Viele Menschen kennen den wunderbaren Titel von Paul Watzlawicks wunderbarem Buch. Und doch schlägt die natürliche Verzerrung allgegenwärtig zu. Die meisten Menschen haben schon öfter darüber gestritten wie es wirklich war. „Hast du wohl“, „hab ich nicht“, „hast du wohl…“ Oder auch die Variante: „Ich habe dir doch gesagt…“, „hast du nicht …“, „doch natürlich, dann und dann, da und da … ich weiß es ganz sicher“. Es nützt nur in der Regel nichts, es selbst ganz genau zu wissen, wenn der andere sich nicht erinnert.

Die Krux mit der Wahrnehmung

Das ist die Krux mit der Wahrnehmung. Dabei ist es zutiefst menschlich, zu denken, dass die eigene Wahrnehmung die richtige sei. Ich bin gut ausgebildet, ich lehre seit Jahren regelmäßig diverse Modelle und Erkenntnisse rund um das Thema subjektive Wahrnehmung. Und trotzdem bin auch ich nicht dagegen gefeit, meine Sicht, meine Wahrnehmung und meine Erinnerung für wahrer zu halten, als die meiner Umgebung.

Zugleich bin ich sehr froh, dass ich dank meiner jahrelangen Beschäftigung mit Sprache und Denken immer wieder den Abstand gewinne, um meine eigene Wahrnehmung und meine Schlussfolgerungen infrage zu stellen. Und natürlich auch zu wissen, dass die Darstellungen von anderen über ein und dasselbe Ereignis stark eingefärbt sind von den eigenen Wahrnehmungsfiltern und den mit der Erzählung verbundenen Absichten.

Die allgegenwärtige subjektive Verzerrung

Wenn meine Töchter sich gestritten haben und mir anschließend erzählen, was ihrer Meinung nach genau vorgefallen ist, beginnt die subjektive Verzerrung bereits bei der Wahl des Anfangs. Wer selbst Kinder hat, kennt den Streit darüber, wer angefangen hat sicher auch. Und dann kommen die unterschiedlichen Varianten des Hergangs der Auseinandersetzung und natürlich werden die einzelnen Beiträge dazu sehr unterschiedlich gewichtet und bewertet.

Die drei Prozesse der Informationsverarbeitung

Im NLP sprechen wir von drei grundlegenden Prozessen der Informationsverarbeitung: Tilgung, Generalisierung und Verzerrung. Es ist schlicht gar nicht möglich, Informationen, Ereignisse oder Hergänge so wiederzugeben, wie sie wirklich waren. Allein die Fülle der Information führt automatisch dazu, dass jeder nur einen Bruchteil dessen wiedergeben kann, was vorgefallen ist. Und dann neigen Menschen halt zusätzlich noch dazu, das auszublenden, was zu ihrer Version einer Auseinandersetzung nicht so gut passt.

Die Verallgemeinerung

Will man dann noch Öl ins Streitfeuer gießen, sind Generalisierungen enorm hilfreich. „Immer machst du…,“ „nie hörst du richtig zu“, „es ist immer dasselbe mit dir …“. Auch dazu neigen wir Menschen, insbesondere natürlich gerade bei unseren Liebsten. Schließlich gehen wir mit denen ja täglich um und machen von daher auch ständig sich wiederholende Erfahrungen mit ihnen. Für eine konstruktive Auseinandersetzung ist diese Art der Kommunikation allerdings eher ungünstig.

Wilde Schlussfolgerungen

Und wenn wir dann in unserer Wahrnehmung das ausgeblendet haben, was nicht in unser Bild passt, allgemeingültige Regeln abgeleitet haben, dann greift noch die natürliche Verzerrung. Wir bauschen hie und da ein wenig auf und ziehen wilde Schlussfolgerungen. „Ich weiß genau, dass er das nur macht, um mich zu ärgern.“ „Die hat das nur gesagt, um mich zu verletzen.“ … Sehr beliebt sind auch Verzerrungen, die nur auf Blicken basieren. „Wenn mein Chef so guckt, dann kann ich nicht früher nach Hause gehen.“ Selbst wenn die Interpretation des Blicks eine hohe Übereinstimmung mit dem Gedanken des Schauenden aufweist (was noch zu verifizieren wäre) ist die Schlussfolgerung, dass ich mich deswegen nicht anders verhalten darf, gewagt.

Und die Moral von der Geschicht: Trau dir besser selber nicht! Achte öfter mal auf das, was du ausblendest. Nimm das einzelne Ereignis als einzelnes wahr und nicht gleich als Bestätigung einer immer gleichen Regel und hüte dich vor deinen eigenen Schlussfolgerungen.

 Die Autorin: Ingrid Huttary, Coach für Lebensfreude und Lebensbalance

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