Wenn die Ambivalenz an dir nagt

Mir fehlt die Klarheit

Ich weiß einfach nicht, was richtig ist, in diesen Zeiten, bin hin- und her gerissen. Und weil ich denke, dass es nicht nur mir so geht, mache ich diese Ambivalenz heute zum Thema.

Als überzeugte NLP Anwenderin habe ich für mich tief verinnerlicht, dass jeder Mensch sein Modell der Welt hat. Das funktioniert in „normalen“ Zeiten in den meisten Kontexten, in denen ich mich bewege, auch recht gut. Für den derzeitigen Krisenmodus ist diese tolerante Geisteshaltung zwar auch noch hilfreich, um nicht sofort das Streiten anzufangen, wenn jemand anderes anderer Meinung ist. Allerdings bringt mir diese Toleranz noch keine Klarheit.

Faszinierend finde ich, dass es sehr viele Menschen gibt, die sehr klar meinen zu wissen, was richtig und falsch ist. In meinem Umfeld sind das vor allem männliche Exemplare unserer Spezies. Jeder dieser Männer hat auch aus seinem Modell der Welt heraus und auf der Basis seines Erfahrungs- und Wissenstandes nachvollziehbare Argumente für seine Sicht.

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Die meisten Frauen mit denen ich spreche, sind auch eher zweifelnd unterwegs. Ich würde nicht so weit gehen, wie einst Sokrates (ein Mann, ich weiß 😉 ) mit seinem geflügelten Wort: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht genug weiß, um meine Ambivalenz loszuwerden.

Sind die Maßnahmen sinnvoll, ist der Shutdown die einzig sinnvolle Reaktion? Ist er völlig überzogen? Verursacht das Mittel gegen das Problem nicht mehr Probleme als das Ursprungsproblem? Verschieben wir nicht nur das Problem nach hinten und ruinieren dafür viele Existenzen? Sind nicht aber Menschenleben wichtiger als jede wirtschaftliche Überlegung? Könnte man nicht doch die Gefährdeten effektiv isolieren? Und damit die häusliche Gewalt, die gesundheitlichen Folgen der Isolation, wie Depression und andere psychische Erkrankungen abwenden? Ich weiß es einfach nicht. Klar könnte ich mich mehr mit Zahlen und Kurven beschäftigen, aber auch hier gibt es jede Menge Unsicherheitsfaktoren und viele sich widersprechende Ansichten, wie die Abflachung der Kurven gelingen kann und wie sinnvoll das ist.

Gefühle statt Wissen

Vielleicht geht es auch gar nicht um Wissen. Denn wäre in meinem unmittelbaren Umfeld bereits jemand an Corona gestorben, würde mein Ambivalenz-Pendel vermutlich deutlich stärker Richtung strikter Maßnahmen ausschlagen. Insofern geht es wohl doch eher um Gefühle. Die Bilder von Armeelastwagen, die Leichen abtransportieren und von überfüllten Krankenhausfluren sorgen ja auch eher für mulmige Gefühle, als dass sie mein Wissen erweitern.

Und ich merke, dass die Unsicherheit über die Auswirkungen der Maßnahmen und darüber, ob vielleicht noch drastischere Maßnahmen folgen könnten, auch mulmige Gefühle und irrationale, von der Herde getriebene Verhaltensweisen erzeugt. Nein, ich habe keinen Keller voller Toilettenpapier, aber ich habe eine Packung mehr zu Hause als sonst, weil auch ich nicht plötzlich ohne dastehen möchte. Und eine Kollegin erzählte mir, dass sie letztens im Supermarkt statt der einen Brezel und der drei Brötchen, die sie hatte kaufen wollen, mit er doppelten Menge rausgegangen ist.

Die grassierenden Ängste

Es grassiert also nicht nur die Angst vor Ansteckung, sondern auch die Angst vor den Folgen der Gegenmaßnahmen. Und ich habe das Gefühl, diese Angst ist ebenso ansteckend, wie das Virus selbst. Und angesichts der Unsicherheit und der Nachrichten über zusammenbrechende Versorgungsketten ja auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Nur eben meinem Empfinden nach eher überzogen. Und insofern kann ich gegen diese Ansteckung auf jeden Fall aktiv gegensteuern.

Aktiv gegensteuern, indem ich zwischen mich und meine Handlung einen kurzen Moment des Überdenkens einbaue und mich frage: Was will ich eigentlich damit erreichen? Was tue ich hier eigentlich? Ist das noch angemessen und sinnvoll? Sieh dazu auch meinen Blogartikel: Was will ich eigentlich damit erreichen?

Annehmen, was ist

Im Umgang mit meiner Ambivalenz hilft mir die Grundhaltung von „Annehmen, was ist.“ Ich weiß zwar nicht, ob all die Maßnahmen sinnvoll sind, um ehrlich zu sein, ich zweifle stark an der Angemessenheit. Aber da ich nicht weiß, ob sie nicht vielleicht doch sinnvoll sind, akzeptiere ich den Ist-Zustand. Bleibe zu Hause, genieße den Frühling und das zum Glück derzeit meist schöne Wetter. Und beschäftige mich sinnvoll, wie letzte Woche beschrieben.

 

Die Autorin: Ingrid Huttary, Coach für Führung und Selbstführung

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12 Antworten

  1. Avatar Marte sagt:

    Genauso empfinde ich es auch. Es tut einfach gut, deine Worte zu lesen. Es gibt mir ein wenig mehr Klarheit zu wissen, dass ich nicht alleine mit meinen Gedanken und Gefühlen dastehe. Übrigens habe ich mir viel Zeit genommen (manche Tage fast meine komplette Freizeit!), viel zu recherchieren, Möglichkeiten , Sichtweisen und Statistiken zu Überprüfen und zu vergleichen. Das bringt auch keine Klarheit, sondern verwirrt noch mehr. Somit unterlasse ich das inzwischen weitestgehend. Für mich ist es übrigens auch besonders ambivalent, dass meine Jobs mich nun gerade noch mehr einspannen, ich aber immer wieder lese, dass „die Welt“ innehält und zu Hause bleibt… Das soll kein Vergleich und keine Bewertung sein – es geht mir nur um die Widersprüchlichkeit, mit der viele auch klar kommen müssen.

    • Danke Marte für deine Bestätigung und ich wünsche dir, dass du Zeit für dich findest und zum Erholen, obwohl du mehr zu tun hast. Vielleicht bieten ja die Osterfeiertage den Raum für Erholung und Durchschnaufen.
      Liebe Grüße
      Ingrid

  2. Avatar Karin Matußek sagt:

    Liebe Ingrid, ich muss leider auch akzeptieren, dass meine Kreativität im Moment völlig eingeschlafen ist. Ich versuche, nicht mit meiner Lethargie und Tatenlosigkeit unzufrieden zu sein. Dazu kommt noch ein Gefühl von Beschämtheit, Weil so viele Menschen, die ganze Gesellschaft, leiden, damit es mir alten und nun nutzlosen Frau gut geht und ich nicht vom Tode bedroht werde, der doch sowieso in ein paar Jahren käme. Dann wieder schäme ich mich für solche Jammergedanken. Sie nutzen weder mir, noch den anderen, die viel mehr leiden müssen als ich. Ich versuche, nur die Gedanken von Liebe und Dankbarkeit überwiegen zu lassen.
    Ich danke Dir für Deine hilfreichen Beiträge.
    Karin

    • Liebe Karin, ich wünsche dir sehr, dass es dir gelingt, Gedanken von Liebe und Dankbarkeit überwiegen zu lassen. Und wenn wir uns alle wieder freier bewegen dürfen, ist es ja auch wieder vorbei mit der gefühlten Nutzlosigkeit.
      Liebe Grüße Ingrid

  3. Avatar Blumenkohldressing sagt:

    Liebe Ingrid, das Zitat stammt zwar von einem Mann, aber das war nicht Cicero, sondern Sokrates.

    • Ups, du hast Recht. Ich habe schnell gegoogelt, von wem es stammt und bei Wikipedia steht “es ist schon seit Cicero bezeugt”, da habe ich es dem Falschen in den Mund gelegt. Daher der Irrtum, ändere ich gleich. Danke 😉

  4. Avatar Angelika sagt:

    Liebe Ingrid, ich finde dein Ausführungen auch vollkommen angemessen und richtig. Man kann sich wirklich sehr schlecht eine Meinung bilden, selbst wenn man im Gesundheitswesen arbeitet und ist am besten bedient ( auch zum Schutz der eigenen Psyche)wenn man die Lage erst einmal annimmt, wie sie ist und versucht, sich weitgehend zu entspannen. Liebe Grüße, Angelika

  5. Avatar Renée sagt:

    Liebe Ingrid, wunderbar, diese Worte zu lesen! Gerade hatte ich auf Facebook in einer Gruppe fast genau das gleiche geschrieben. Ich finde es erschreckend, wie wenige Menschen bereit sind, zu reflektieren, sich ihre eigene Meinung zu bilden – zuzugeben, dass sie die Wahrheit nicht wissen. Stattdessen plappern sie irgendetwas nach – Hauptsache, man steht nicht ahnungslos da. Lieber eine allgemeine Angst zugeben, die gerade gesellschaftlich anerkannt und “erlaubt” ist, als die ganz persönliche Angst einzugestehen: es nicht zu wissen und mit der Ambivalenz zurecht zu kommen.

    • Liebe(r?) Renée, vielen lieben Dank für diesen Kommentar. Ich habe heute morgen als erstes eine empörte Email bekommen. Zitat: “Ich bin schockiert, von Menschen wie Ihnen, die Zweifel an diesen Maßnahmen säen. Jeder, der sich die Mühe macht sich ein objektives Bild von der Lage zu machen…” “ganz sicher sind unsere Politiker in der Lage, das Für und Wider abzuwägen” Hm, ich wollte zu keinem Zeitpunkt bezweifeln, dass unsere Politiker nach bestem Wissen und Gewissen, beraten von Fachleuten, die auch nach bestem Wissen und Gewissen handeln, besonnen agieren. Ich bezweifle aber sehr stark, dass es auf der Basis der vorhandenen Daten und Erfahrungen ein objektives Bild der Lage gibt. Und wie geschrieben, gibt es Menschen, die glauben fest, dass es “das Richtige” oder “das Falsche” gibt. Selbst wenn ich jetzt tagelang alles lesen würde, was es zum Thema gibt, fände ich es vermessen, mich hinzustellen und zu denken, ich wüsste, was richtig ist. Ich gebe auch zu, dass ich froh bin, nicht Politikerin zu sein, und auf Basis von einer meines Erachtens unübersichtlichen Datenlage so schwerwiegende Entscheidungen treffen zu müssen. Jedenfalls finde ich es beeindruckend, dass bereits das Äußern von “ich weiß es nicht” so große Empörung auslöst. Deswegen danke an dich.
      Liebe Grüße
      Ingrid

  1. 3. April 2020

    […] Und ich bekomme Inspiration für meine eigenen Gedanken und Gefühle. Eine alte Bekannte aus früheren NLP-Tagen betreibt einen Blog. In ihrem aktuellen Blogartikel schreibt sie davon, was auch mich schon gedanklich beschäftigt hat: „Ich weiß einfach nicht, was richtig ist, in diesen Zeiten, bin hin- und her gerissen.“ – Hier weiterlesen bei ‚Offene Horizonte‘. – […]

  2. 16. April 2020

    […] Derzeit agiert nicht mehr nur die Wirtschaft in einem unbeständigen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Umfeld. Was gestern noch als selbstverständlich galt, Bewegungsfreiheit, volle Auftragsbücher, verlässliche Gehälter, Reisen, u.v.m. ist hinweggefegt von einem unsichtbaren Feind. Dass ich in diesem unsicheren, mehrdeutigen Umfeld, hin- und hergerissen bin, habe ich vor zwei Wochen schon thematisiert. […]

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