Warum das Bild vom inneren Schweinehund in die Irre führt

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Warum das Bild vom inneren Schweinehund in die Irre führt

Gerade, wenn es um das Thema Selbstmotivation geht, habe ich oft den Eindruck, dass in vielen Köpfen Überzeugungen herumgeistern, wie: ich muss mich nur mehr anstrengen, ich muss meinen inneren Schweinehund in den Griff bekommen, ich muss es einfach nur noch mehr wollen. Insbesondere der so genannte innere Schweinehunds verbildlicht dabei eine weit verbreitete meines Erachtens wenig hilfreiche Haltung. Jeder scheint ihn zu kennen und niemand scheint ihn zu mögen. Und im Zweifel muss er für alles herhalten, was wir nicht anpacken oder nicht durchhalten. Er bezeichnet also eine Instanz in uns, die wir als Verhinderer wahrnehmen, als verantwortlich für all das, was nicht passiert.

Der aussichtslose Kampf gegen uns selbst

Da der innere Schweinehund kein gern gesehener Gast ist, wird er wahrgenommen als ein Wesen, das es zu bekämpfen gilt, bestenfalls ist ihm noch mit Belohnungen beizukommen. Damit verpassen wir die Chance, den wertvollen Beitrag an diesem Verhalten zu würdigen, überhaupt erst auf die Idee zu kommen, dass im ungeliebten Nichthandeln auch wertvolle, positive Informationen enthalten sind ohne deren Würdigung wir viel Energie stecken in einen aussichtslosen Kampf – den Kampf gegen uns selbst.

Die Alternative zum Kampf: das Konzept der positiven Absicht

Hier setzt eine vom NLP nicht erfundene, aber dort fest verankerte Grundannahme an: Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht. In vielen Seminaren habe ich immer wieder mit unterschiedlichsten Menschen über diese Annahme diskutiert. Deswegen weiß ich, dass diese Idee nicht für jeden sofort einsichtig ist. Mir geht es hier heute nicht darum, eine philosophische Grundsatzdiskussion zu führen. Mir geht es auch nicht darum, dass es auf jeden Fall wahr ist, dass hinter jedem Verhalten eine positive Absicht steckt. Ich habe es schon lange aufgegeben, an eine allgemeingültige Wahrheit zu glauben.

Es ist nur sehr viel hilfreicher für den Umgang mit eigenen inneren Widerständen, deren positive Absicht für mich als Gesamtsystem zu würdigen, als ständig dagegen anzukämpfen. Denn wen habe ich denn besiegt, wenn ich meinen inneren Schweinehund niedergekämpft habe? Das Ziel kann doch nicht sein, auszurufen: Ich habe gegen mich gewonnen. Jawoll!

Innere Anteile als Repräsentanten von Bedürfnissen

Die obige Aussage impliziert bereits einen weiteren wichtigen Aspekt, wenn es um die Arbeit mit inneren Widerständen geht. Nämlich die Grundidee, dass es für verschiedene Bedürfnisse in mir verschiedene Anteile gibt – von denen keiner per se besser oder schlechter ist. Und dann haben wir es eben nicht mit einem Schweinehund zu tun, sondern mit einer Seite in uns, die ein unserem bewussten Verstand gerade nicht zugängliches oder womöglich sogar zugängliches, aber abgewertetes Bedürfnis repräsentiert.

Wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag vor dem Fernseher lande, statt in Joggingschuhen draußen im Wald, dann ist mir vielleicht sogar klar, dass hier mein Bedürfnis nach Erholung die Oberhand gewonnen hat.

Wertschätzender Dialog statt Abwertung

Aber weil ein Teil von mir, der kognitive Chef im Ring, Fernsehen blöd findet, werte ich das Verhalten ab und oft damit auch gleich mich als Person und wer ist schuld – klar der Schweinehund. Was hier passiert ist, dass ich mich selbst verwechsle mit der kognitiven Chefseite. Und das höre ich allenthalben: ich würde ja wollen, aber mein Schweinehund. Wenn ich diese Sichtweise jetzt anders auflöse, dann habe ich eine Seite, die gern im Wald wäre und eine Seite, die lieber auf der Couch liegt. Und beide Seiten verfolgen jeweils positive Absichten für mich als Gesamtsystem. Und in dem Moment, wo ich aufhöre, eine Seite für die gute zu halten und die andere abwerte, ist schon der wesentliche Schritt zu weniger innerem Kampf und zu mehr Verständnis und Gespür für meine oftmals widerstrebenden Bedürfnisse getan.

Im nächsten Schritt gehe ich dann mit mir selbst in einen neuen, wertschätzenden Dialog. Genauer gesagt, der Chef in mir nimmt Kontakt auf mit der Seite oder dem Anteil, der bisher bekämpft wurde. Menschen, die zum ersten Mal auf diese Art und Weise nach innen spüren, sind oft tief berührt von der Begegnung mit dem bislang abgewerteten Anteil und dessen bis dato verborgen gebliebenen Beweggründen.

Versöhnung und innere Zwiegespräche

Dies kann ein Moment großer Versöhnung mit sich selbst sein und damit ein großer Schritt hin zu mehr Selbstliebe. Deswegen lege ich an dieser Stelle auch immer sehr großen Wert darauf, dass sich der „Chef“ bei diesem zunächst recht ungewohnten Dialog bei seinem bisher als Schweinehund wahrgenommen Anteil bedankt – dafür, dass er bereit ist, den Kontakt aufzunehmen und dafür, dass er so nachhaltig seine positive Absicht, die Durchsetzung eines vielleicht unbewussten Bedürfnisses, verfolgt.

Für Menschen, die noch nie bewusst derartige Zwiegespräche mit sich selbst geführt haben, mag das jetzt recht schräg klingen. Ich arbeite seit über 15 Jahren damit und habe viele sehr aufwühlende und bewegende Momente erlebt und begleiten dürfen. Deswegen zitiere ich an dieser Stelle gern meine geschätzte Mentorin Evelyne Maaß: Glaub mir kein Wort, probier es aus.

Das Ergebnis: neue konsensfähige Verhaltensweisen

Auf der Basis dieses neuen Dialogs kann ich nun, indem ich den Anteil befrage, erspüren und erkunden, was hinter seiner vermeintlichen Blockade steckt. So trenne ich das ungeliebte Verhalten und die zugrundeliegende Absicht. Und kann dann im nächsten Schritt für das herausgefundene Bedürfnis im Dialog mit mir selbst – also mit meinen verschiedenen Teilen – neue konsensfähige Verhaltensweisen erarbeiten.

Fazit: Wenn du dich das nächste Mal über dich selbst ärgerst, spür nach, welches Bedürfnis hinter dem ungeliebten Verhalten steckt und nimm den Dialog mit den verschiedenen Anteilen in dir auf – für ein neues Miteinander im Innen.

 Die Autorin: Ingrid Huttary, Coach für Selbstwirksamkeit und Lebensfreude

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5 Antworten

  1. Liebe Ingrid!
    wie wohltuend! Danke sehr für diese entspannenden Gedanken. Übrigens: glaub´mir kein Wort, probier´s aus – habe ich auch in meinen Wortschatz übernommen, bei mir kam es von Susan Wiegel, eine meiner wunderbaren Lehrerinnen. wie schön, dass es Dich in meiner Welt gibt….zu gerne wäre ich bei Deinem Seminar in Kreta gewesen, es ist halt leider eine Woche zu spät. Vielleicht kommt es ja ein anderes Mal dazu.
    dir von Herzen alles Liebe,
    Deine Claudia

  2. Avatar Vanessa sagt:

    Tolles Thema, super dargestellt, danke!

  3. Avatar Andreas sagt:

    Klasse Blogbeitrag – klar und auf den Punkt, danke!

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